Schiffbruch mit Tiger

Originaltitel: Life of Pi

Roman – eine wundersame, abenteuerliche Odyssee

Autor: Yann Martel

Übersetzer: Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie
Illustrator: Helmut Dohle

Klappentext: „Schiffbruch mit Tiger? Diese Geschichte würden Sie nicht glauben? Kein Wunder. Fantastisch. Verwegen. Atemberaubend. Wahnsinnig komisch. Eine Geschichte, die Sie an Gott glauben lässt.

Pi Patel, der Sohn eines indischen Zoobesitzers und praktizierender Hindu, Christ und Muslim erleidet mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra und einem 450 Pfund schweren bengalischen Tiger namens Richard Parker Schiffbruch. Bald hat der Tiger alle erledigt – alle, außer Pi. Alleine treiben sie in einem Rettungsboot auf dem Ozean.

Eine wundersame, abenteuerliche Odyssee beginnt.“

Hauptpersonen:

  1. Piscine Molitor Patel, genannt Pi: der Sohn eines indischen Zoobesitzers und praktizierender Hindu, Christ und Muslim.
  2. Richard Parker: ein 450 Pfund schwerer bengalischer Tiger.

Ort: ???
Zeit: ???.

Eine Leseprobe:

»Ich hatte so viel gelitten, ich war ein finsterer und trauriger Mensch geworden.
Wissenschaftliche Arbeit und der Trost der Religion brachten mich allmählich ins Leben zurück. Meinem Glauben, so abwegig er manch einem auch vorkommen mag, bin ich treu geblieben. Nach einem Jahr auf der High School ging ich an die Universität von Toronto und schrieb mich für einen Bachelor-Studiengang mit zwei Hauptfächern ein. Die beiden Fächer waren Religionswissenschaften und Zoologie. Im ersten widmete ich meinen Examensessay gewissen Aspekten der Kosmogonie1) Isaak Lurias2), des großen Kabbalisten3), der im 16. Jahrhundert in Safed tätig war. Als Abschlussarbeit in Zoologie schrieb ich eine Funktionsanalyse der Schilddrüse des Dreifingerfaultiers. Ich wählte das Faultier, weil es mit seinem Lebenswandel – ruhig, still, in sich gekehrt – meinem zerrütteten Ich ein wenig Trost bot.
Es gibt Zweifingerfaultiere und es gibt Dreifingerfaultiere, wobei das Unterscheidungsmerkmal die Vorderbeine sind, denn an den Hinterbeinen haben alle Faultiere drei Finger. Ich hatte das große Glück, dass ich einen Sommer lang das Dreifingerfaultier in den Dschungeln von Äquatorialbrasilien in situ4) studieren konnte. Es ist ein äußerst faszinierendes Geschöpf. Im Grunde ist die Trägheit sein einziger Wesenszug. Es schläft oder ruht im Durchschnitt zwanzig Stunden am Tag. Unser Team untersuchte die Schlafgewohnheiten von fünf wild lebenden Dreifingerfaultieren, indem wir ihnen am frühen Abend, wenn sie eingeschlafen waren, leuchtend rote, mit Wasser gefüllte Plastikschälchen auf die Köpfe stellten. Wir konnten sehen, dass sie am nächsten Morgen, wenn sich im Wasser schon die Insekten tummelten, noch immer an Ort und Stelle waren. Am regsten ist das Faultier bei Sonnenuntergang, wobei das Wort rege hier mit größtmöglicher Relativität zu verstehen ist. Das Tier bewegt sich in seiner charakteristischen hängenden Haltung mit einer Geschwindigkeit von etwa 400 Metern die Stunde den Ast eines Baumes entlang. Am Boden kriecht es, wenn es motiviert ist, mit einem Tempo von 250 Metern die Stunde zu seinem nächsten Baum, das heißt 440-mal langsamer als ein motivierter Gepard. Unmotiviert legt es vier bis fünf Meter die Stunde zurück.
Über die Außenwelt erfährt das Dreifingerfaultier nicht viel. Auf einer Skala von 2 bis 10, bei der die 2 für außerordentliche Dumpfheit und 10 für extreme Wachheit steht, stufte Beebe (1926) den Tast-, Geschmacks- und Gesichtssinn und das Gehör des Faultiers mit 2 ein, den Geruchssinn mit 3. Trifft man auf freier Wildbahn auf ein schlafendes Dreifingerfaultier, so genügt es in der Regel, es zwei­ oder dreimal anzustoßen, um es zu wecken. Es wird sich dann schläfrig in jede erdenkliche Richtung umsehen, nur nicht in die, aus der der Stoß kam. Warum es sich umsieht, weiß man allerdings nicht, denn das Faultier sieht wie Mr. Magoo5) alles nur durch einen Nebel. Was das Gehör angeht, ist ein Faultier nicht wirklich taub; es interessiert sich nur nicht für Geräusche. Beebe berichtet, dass er neben schlafenden oder fressenden Faultieren Gewehre abfeuerte und kaum eine Reaktion damit hervorrief. Und den etwas höher entwickelten Geruchssinn eines Faultiers sollte man auch nicht überschätzen. Es heißt, sie könnten abgestorbene Äste riechen und dann meiden, doch Bullock (1968) berichtet, dass Faultiere »häufig« zu Boden fallen, weil sie sich an abgestorbenen Ästen festhalten.
Man fragt sich, wie ein solches Tier überleben kann.
Es überlebt, weil es so langsam ist. Trägheit und Schläfrigkeit schützen es vor allen Gefahren, sie sorgen dafür, dass ein Jaguar oder Ozelot, dass Harpyien und Anakondas das Faultier überhaupt nicht wahrnehmen. Im Pelz des Faultiers gedeiht eine Algenart, die in der Trockenzeit braun und in der Regenzeit grün ist, und so fügt sich das Tier stets in das Moos und Blattwerk seiner Umgebung ein und wirkt wie ein Ameisen- oder Eichhörnchennest oder einfach nur wie ein Teil des Baumes.
Das Dreifingerfaultier lebt ein friedliches Vegetarierleben in vollkommenem Einklang mit seiner Umgebung. »Stets hat es ein gutmütiges Lächeln auf den Lippen«, schreibt Tirler (1966). Es ist ein Lächeln, das ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Ich bin keiner, der leichtfertig menschliche Charakterzüge oder Gefühlsregungen auf Tiere projiziert, doch viele Male, wenn ich in jenem Monat in Brasilien ein ruhendes Faultier betrachtete, hatte ich den Eindruck, dass ich in der Gegenwart eines an den Füßen hängenden, tief in seine Meditation versenkten Jogis war oder eines ganz dem Gebet ergebenen Eremiten, in der Gegenwart von Wesen großer Weisheit, deren inneres Le­ben jenseits all meiner wissenschaftlichen Forschungen lag.
Manchmal gerieten mir meine beiden Studienfächer durcheinander. Manche meiner Kommilitonen bei den Re­ligionswissenschaftlern – wirrköpfige Agnostiker, die nicht wussten, welche Seite oben war, allesamt der Vernunft er­geben, jenem Katzengold der Intelligenz – erinnerten mich an das Dreifingerfaultier, und das Dreifingerfaultier, ein so perfektes Beispiel für das Wunder des Lebens, erinnerte mich an Gott.
Mit meinen Naturkundekollegen war das Leben leicht. Naturwissenschaftler sind ein freundliches, gottloses, hart arbeitendes, biertrinkendes Volk, dessen Verstand mit Sex, Schach und Baseball beschäftigt ist, wenn er einmal nicht an Wissenschaft denkt.«

____

1) Kosmogonie: „Die Kosmogonie (gr. kosmogonía „Weltzeugung“) bezeichnet Erklärungsmodelle zur Weltentstehung. Diese können mythisch die Welt deuten oder rational die Welt erklären. Kosmologie ist die Wissenschaft, die sich mit den Methoden von Physik und Astronomie mit dem Ursprung und der heutigen Struktur des Universums beschäftigt. Als Teildisziplin geht es bei der Kosmogonie um die Frage der Entstehung und Entwicklung der Himmelskörper.“

Quelle: wikipedia.org – Kosmogonie

2) Isaak Luria: „Isaak Luria (* 1534 in Jerusalem; † 1572 in Safed in Galiläa; aus nach Loria in Norditalien benannter Rabbiner- und Gelehrtenfamilie) war ein Rabbiner und Kabbalist.“

Quelle: wikipedia.org – Isaak Luria

3) Kabbala: „Die Kabbala (auch Kabbalah) ist eine mystische Tradition des Judentums. Sie steht in einer jahrhundertelangen mündlichen Überlieferung, deren Wurzeln sich in der Tora, der Heiligen Schrift des Judentums, finden. Des Weiteren gibt es eine reichhaltige schriftliche Überlieferung. Als bedeutendstes Schriftwerk der Kabbala gilt der Zohar. … Der Zohar: Aus der Tradition des spanischen Judentums entstand gegen Ende des 13. Jahrhunderts die bedeutendste kabbalistische Schrift überhaupt: der Zohar (Sefer ha Zohar, hebr. ‚Das Buch des Glanzes‘).“

Quelle: wikipedia.org – Kabbala

4) in situ: „in situ (lat. für „am (Ursprungs-) Ort“, „am Platz“, „an Ort und Stelle“) ist ein lateinischer Begriff, der als Fachbegriff in unterschiedlichen Disziplinen verwendet wird. Gegenteil zu in situ ist ex situ (außerhalb des (Ursprungs-)Ortes). Allgemein bezeichnet der Begriff in den Naturwissenschaften die Untersuchung eines Objektes, einer Reaktion, eines Prozesses dort, wo diese natürlich auftreten, als Gegensatz zu Untersuchungen in präparierten Umgebungen.“

Quelle: wikipedia.org – in situ – „an Ort und Stelle“

5) Mr. Magoo: „Die auf der Zeichentrickfilmreihe und der Zeichentrickserie Mister Magoo beruhende Filmkomödie Mr. Magoo von Stanley Tong wurde 1997 von Walt Disney Pictures produziert. Die Titelrolle des kurzsichtigen Exzentrikers spielt Leslie Nielsen. … Handlung: Quincy Magoo, ein exzentrischer Millionär, ist stark kurzsichtig. Da er die Benutzung einer Brille ablehnt, gerät er wegen seiner Sehbehinderung immer wieder in Schwierigkeiten.“

Quelle: wikipedia.org – Mr. Magoo

Pressestimmen:

  • Times Literary Supplement: „Martel schreibt wie ein leidenschaftlicher Paul Auster.“
  • Independent on Sunday: „Eine Reminiszenz an Italo Calvino.“
  • Die Welt: „Schnell und rasant und voller Witz und Seele.“

Eigene Meinung / Fazit:

Beurteilung des Buches:

Verlag: S. Fischer Verlag; Auflage: 9 (26. Januar 2007).
Seitenanzahl: 384 Seiten.
Bindung: gebundene Ausgabe.
ISBN-10: 3-100-47825-8.
ISBN-13: 9-783100-478252.
Preis: EUR 19,90.


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